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Hier veröffentliche ich in unregelmäßigen Abständen Erlebnisse und Gedanken aus meinem Arbeitsalltag.

Regenbogenwald Neuhaus

Einen wunderbaren Trauer-Liebes-Ort habe ich neulich beim Wandern entdeckt: den Regenbogenwald in Neuhaus (einem kleinen Ort in der Nähe vom fränkischen Adelsdorf). Hier haben Eltern, die um ihre verstorbenen Kinder trauern, einen Ort geschaffen, der Liebe, Ruhe, Weite und Trost ausstrahlt. Auf einer lichten Anhöhe, mit Blick ins Grüne.  Mit Bäumen und Rosenbüschen für einzelne Kinder, mit einem Gemeinschaftsbaum, wo auch Gäste einen Gedenkstein ablegen können, mit einem Labyrinth, dem alten Symbol des Weges. Mit Bänken zum Sitzen und einer Feuerstelle. Regenbogenwald Neuhaus GemeinschaftsbaumMan merkt dem Ort an, dass er gepflegt und besucht wird. Man verweilt gerne, ist berührt in einer Weise, wie ich es auf einem Friedhof noch nie erlebt habe, obwohl ich gerne über Friedhöfe spaziere. Bestimmt komme ich nochmal vorbei, um den Platz zu einer anderen Jahreszeit erleben zu können. Vielleicht wenn die Rosenbüsche blühen. Ich wünsche allen trauernden Eltern so einen Ort des Gedenkens, der Liebe und Erinnerung, wo sie ihren Kindern nah sein können.
Hier noch die Homepage des Vereins für weitere Informationen:
www.regenbogenwald-neuhaus.de
(25.3.2021)

GEBURT UND TOD
Einen Artikel, der mich sehr berührt hat, möchte ich hier gerne verlinken: „Von Aufbrüchen und Übergängen. Was Lebensanfang und Lebensende gemeinsam haben.“
(27.11.2020)

CORONA-HERBST
Es sind besondere Geschichten, die das Leben gerade schreibt. Wie die vom alten Ehepaar, er im betreuten Wohnen, sie im Pflegeheim direkt gegenüber. Weil er sie nicht besuchen durfte, hat er ihr zum 65. Hochzeitstag einen Herzluftballon gekauft und liebevoll beschriftet, und die beiden haben sich vom Fenster aus zugewinkt. Es war der letzte Hochzeitstag für die zwei. Nun ist sie vorausgegangen. (25.11.2020)

NORMALITÄT?
Nun sind wieder 50 Trauergäste am Grab erlaubt. Darüber bin ich unendlich froh. Einige Urnenbeisetzungen, auf die die Angehörigen drei Monate gewartet haben, können nun stattfinden. Menschen dürfen endlich ihre letzte Ruhestätte finden.

Womit ich noch immer hadere und kämpfe, sind die restriktiven Vorgaben mancher Friedhöfe. Urnenbeisetzungen im 30-Minuten-Takt, wo doch schon manchmal der Weg zum Grab 10 bis 15 Minuten in Anspruch nimmt, wie soll das funktionieren? (7.6.2020)

TRAUERN MIT MINDESTABSTAND
Nun lebe ich so wie wir alle nun schon seit Wochen in diesem Ausnahmezustand. Ich habe Trauerfeiern im kleinsten Kreis begleitet und dabei viele Geschichten gehört. Geschichten wie diese:

„wir konnten uns nicht mehr verabschieden, weil wir seit Wochen nicht ins Pflegeheim durften, auch nicht in den Tagen der Sterbebegleitung“

„wir sind zu spät zu Vater ans Sterbebett gekommen, um wenige Minuten nur, weil wir noch die ganzen Hygienemaßnahmen durchlaufen mussten“

„ich war vor ein paar Tagen bei einer Beerdigung und das war das Unwürdigste und Traurigste, was ich bisher erlebt habe. Wir sind hinter dem Friedhofsmitarbeiter hergelaufen, die Urne wurde ins Grab gegeben und dann standen wir da. Dann hat halt der Sohn noch ein paar Worte gesagt.“

„wir warten auf jeden Fall mit der Beisetzung der Urne, auch wenn es noch Monate dauert, weil wir wollen, dass sich auch die Freunde verabschieden dürfen. Aber wie wir diese Zeit aushalten sollen, wissen wir nicht“

Was ich mir wünsche:
genug Zeit am Grab, um in Ruhe zu reden, Musik zu hören, Abschied zu nehmen
die Angehörigen sollen selbst entscheiden dürfen, wer zum engsten Kreis gehört und wen sie dabei haben wollen
Erhöhung der möglichen Teilnehmerzahl bei Beerdigungen und Urnenbeisetzungen auf 30 Personen, wenn alles draußen stattfindet – hier kann ja der Mindestabstand problemlos eingehalten werden, wenn die Familien sich nach gemeinsamen Haushalten zusammenstellen
wenn die Trauerhalle genutzt werden soll, dann muss nach Größe der Halle entschieden werden

Was ich als Trauerrednerin beitragen kann:
ich kann Wege aufzeigen, wie man sich nahe sein kann, ohne sich zu umarmen oder zu berühren, z.B. indem man sich zusammen das Lieblingslied des verstorbenen Menschen anhört, dabei die Augen schließt und eine Hand aufs Herz legt
ich kann Worte finden, durch die alle Trauergäste miteinander den Angehörigen ihr Beileid ausdrücken (statt Händedruck oder Umarmung)
ich kann Möglichkeiten vorschlagen, wie man Menschen miteinbezieht, die nicht dabei sein können und wie man ein Abschiednehmen nachholt, das aufgrund der äußeren Umstände nicht sein konnte oder nicht so sein konnte, wie man es gebraucht hätte. (11.5.2020)

CORONA-ZEIT
Im Moment schweigt das Telefon.
Urnenbeisetzungen werden auf vielen Friedhöfen in die Zukunft verschoben, wann sie dann stattfinden können, weiß aktuell noch keiner. Erdbestattungen und auf einigen Friedhöfen auch Urnenbeisetzungen finden im kleinsten Kreis statt, mal mit Zeit, mal ohne für ein paar persönliche Worte am Grab oder ein Musikstück. Was das genau bedeutet, definiert jede Gemeinde, jeder Friedhof unterschiedlich. Es kann sich auch von Tag zu Tag ändern. Auf der Seite der Nürnberger Friedhofsverwaltung finde ich den Satz: „Die Erd- und Urnenbeisetzungen erfolgen in der gewohnt zügigen Weise. Die Trauerfeiern werden nicht ersatzweise am Grab abgehalten.“

Das alles macht mich sehr traurig. Noch ist es nicht existenzbedrohend, meine Ersparnisse können mich über ein paar Monate bringen, aber ich frage mich – was für seelische Verletzungen wird dies bei den Trauernden hinterlassen? Was wird es mit unserer Trauerkultur machen?

Aufgrund der winterlichen Einschränkungen bei Urnenbeisetzungen, die manchmal wochenlang dauern können, weiß ich, wie schwer und belastend es für Hinterbliebene ist, die lange auf einen Termin warten müssen, die gerne wissen möchten, dass ihr verstorbener Angehöriger nun endlich einen Ruheplatz gefunden hat.

Schlimm ist auch, dass Menschen ihre sterbenden Angehörigen nicht mehr begleiten dürfen, die Besuchszeiten im Krankenhaus sind aus nachvollziehbaren Gründen sehr stark eingeschränkt oder gar aufgehoben – kostbare letzte Tage gehen unwiderbringlich vorbei.

In dieser traurigen Zeit versuche ich so gut es geht mit der nun vielen freien Zeit umzugehen, pflege die Homepage, mache die Buchhaltung, räume das Büro auf und versuche auch was für mich zu machen, rauszugehen oder im Garten zu arbeiten und Kräfte zu sammeln für die Zeit, in der ich wieder für Angehörige da sein darf. (31.3.2020)

Friedhof Fürth

NEUES AM FÜRTHER FRIEDHOF
Bei der Bestattung eines Sternenkindes habe ich in der letzten Woche Fürths neues Grabfeld kennenlernen können. Es ist ein wirklich schöner Platz geworden. In der Mitte ein Brunnen, ein Pavillon lädt zum Sitzen ein,  von den Bäumen wehen manchmal die leisen Klänge eines Windspiels herüber – und wir setzen die kleine Urne unter einem Apfelbaum bei, der das Grab behüten wird. Das war ein sehr berührender Moment für mich, vor allem als die junge Tante des kleinen Sternenkinds unter Tränen „Somewhere over the rainbow“ singt.

Das neue Grabfeld, „Garten der Vielfalt“ genannt, auf dem Fürther Friedhof in der Erlanger Straße besteht aus vier begrenzten Teilstücken. Auf einem werden die Urnen rund um Apfelbäume beerdigt, das zweite daneben hat Bäume und Stelen, das dritte ist ein einfacher Rasenstreifen und das vierte ist reserviert für Fußballfans vom Fürther Kleeblatt.

Es gibt auch sechs Plätze für Erdbestattungen, wovon zwei allerdings schon gleich belegt wurden. Hier scheint noch mehr Bedarf zu sein, und ich fände es schön, wenn es auch mehr pflegefreie Erdbestattungsmöglichkeiten gäbe. Oft scheinen sich die Menschen nur deswegen für eine Feuerbestattung zu entscheiden, um ihren Angehörigen die Grabpflege zu ersparen, obwohl ihnen vielleicht der Gedanke an eine Erdbestattung näher wäre.

Was mir sehr gut gefällt an diesem Feld ist, dass es pflegeleichte Bestattungsmöglichkeiten bietet, aber es ist nicht anonym. Namenstafeln zeigen an, wer wo in welchem Feld bestattet wurde.

Großes Kompliment an die Fürther Friedhofsverwaltung und die Friedhofsgärtner, die dies konzipiert und verwirklicht haben. Wirklich gelungen! (19.9.2019)

WAS SOLL ICH NUR SAGEN / SCHREIBEN?
Es ist nicht so leicht, sein Beileid auszudrücken, mündlich oder schriftlich. Einige Anregungen dazu habe ich auf einer Seite hier versammelt. Hier geht es weiter...

FRIEDHOFSWEGE
Der Weg von der Feierhalle zum Grab kann manchmal ganz schön lang sein. Auf dem Nürnberger Südfriedhof, dem größten Friedhof der Stadt, geht man von der Aussegnungshalle bis zu der Stelle, wo die Baumbestattungen stattfinden, gut 20 Minuten. Meistens genieße ich den Weg zum Grab. Ich kann Tiere beobachten, Vögel, Eichhörnchen, manchmal sogar Hasen oder Kaninchen, es fallen mir ungewöhnliche Namen auf den Grabsteinen ins Auge oder besonders schön und liebevoll gepflegte Gräber.

Im Frühjahr halten sich die Augen an den emporsprießenden Frühlingsblühern fest, Winterlinge und Krokusse spitzen aus der Erde und bringen die Hoffnung auf schöne warme Tage.
Im Sommer muss ich manchmal in der schwarzen Trauerkleidung ganz schön leiden, hoffe, dass die Grabstätte nicht in der vollen Sonne liegt und habe dafür lange nach einem beerdigungstauglichen Hut gesucht.
Besonders schön sind die Wege an den goldenen Herbsttagen, wo es so riecht, wie es eben nur im Herbst riecht. Nach welken Blättern, nach Erde und Wind, und wo jeder Sonnenstrahl wie eine Liebkosung die Haut streichelt.
Im Winter friere ich mir dafür manchmal die Beine in den Bauch und würde gerne schneller gehen, aber so ein Trauerzug hat eben seine eigene Geschwindigkeit und die richtet sich nach dem langsamsten Mitglied des Trauerzuges.

Interessant ist auch, wie die Angehörigen des verstorbenen Menschen miteinander auf dem Weg sind, dem Sarg oder der Urne folgend. Manche gehen schweigend, andere unterhalten sich. Manchmal trägt nicht der Friedhofsangstellte, sondern ein Familienmitglied die Urne, manchmal wechseln sich die Menschen sogar ab, jeder trägt ein Stückchen, das finde ich sehr schön.

Diese Wege sind Teil meiner Arbeit – und ich versuche, sie bewusst zu gehen.
(13.9.2017)

AUCH DAS IST LEBEN

So viele Lebensgeschichten höre ich in meinem Beruf, so viele Schicksale berühren sich kurz mit meinem. Und immer wieder, trotz aller Routine nach mehr als einem Jahrzehnt als Trauerrednerin, gibt es diese Augenblicke, die mir das Herz zerreißen.

Eltern zu begleiten, die ihr überfahrenes Kind zu Grabe tragen, mit der einen Hand den Sarg (mit)tragen und mit der anderen eines ihrer drei anderen Kinder an der Hand oder auf dem Arm haben – das ist kaum auszuhalten – und es ist doch Leben.
(7.1.2017)

EINER MUSS ES JA MACHEN

Manche Geschichten, die man als Trauerrednerin hört, sind einfach so schön, dass es schade ist, sie nicht zu teilen. So wie neulich über eine alte Dame, die sich trotz ihrer schweren Krankheit, einer Arthritis, unter der sie Jahrzehnte gelitten hat, ihre überschwängliche Vitalität bewahrt hat. Sie sei, so versicherte sie immer wieder, eine „eingebildete Gesunde.“

Und hier die Geschichte, die mir unvergesslich ist:
Als sie die von der Krankheit versteiften Zehen operiert und gestreckt bekam, steckte in jeder ihrer Zehen ein langer Draht und vorne drauf ein Korken, damit sie sich selbst und andere nicht damit verletzt. Bei ihrem Besuch erwarteten ihre Angehörigen, die alte Dame im Bett zu finden. Als sie die Tür zum Krankenzimmer aufmachten, stand sie barfuß auf einer Leiter und putzte die Fenster des Krankenhauses, die es wohl nötig hatten, und quittierte die erstaunten Gesichter mit dem Spruch – „einer muss es ja machen.“
(9.11.2016)

FREUDE UND TRAUER

Immer wieder kommt es vor, dass ich im Trauergespräch höre, wie seltsam das doch ist – einer geht, einer kommt. Große Freude über die Geburt eines neuen Familienmitglieds, und nun kurz darauf Zeit zum Abschiednehmen von einem der Alten, von Opa oder Oma.
In einer solchen Lebenssituation wird deutlich, wie nahe sich in unserem Leben oft Freude und Trauer sind, wie beides gleichzeitig Platz hat in unserem Herzen, ja wie Trauer und Freude vielleicht gar keine Gegensätze sind, sondern beides Ausdrucksformen von – Liebe.
(25.10.2014)

STARK SEIN?

„Er hätte gewollt, dass wir jetzt stark sind“, so haben Sie gesagt. Aber was bedeutet stark sein nach einem solchen Verlust? Bedeutet es, dass wir uns zusammenreißen sollen, nicht weinen dürfen, uns sagen, dass das Leben weitergeht, auch wenn wir noch gar nicht wissen wie?

Ich glaube, es gibt verschiedene Arten von Starksein. Wenn Sie an eine alte Eiche denken, die wirft so schnell nichts um. Der Sturm umtost sie, aber sie hält aus. Doch wenn sie einmal umgefallen ist, dann ist es vorbei. Ganz anders der Bambus. Er biegt sich vor jedem Windhauch und steht aber auch wieder auf – biegsam und stark. Beides ist Stärke. Und manchmal ist es vielleicht notwendig, sich zu beugen wie der Bambus vor dem Sturm des Lebens, der einem direkt ins Gesicht weht.
Dazu gehört sich Gefühle einzugestehen, Trauer zuzulassen, Wut und Verzweiflung, Sehnsucht und Einsamkeit. Darüber zu reden. Solange bis sich etwas wandelt in uns, unmerklich zuerst, bis die Trauer beginnt, erträglich zu werden. Das kann auch Mut und Stärke sein. Diese Stärke wünsche ich Ihnen. (Auszug aus einer Trauerrede)
(23.9.2014)

BUNTE TRAUERFEIER IM GRAUEN HERBSTHerbst

Liebe Angehörige und Freunde, wir feiern heute den Abschied von Ihrer lieben Mutter, Schwiegermutter und Oma, von Ihrer Schwägerin, Verwandten und Freundin. Sie war eine unkonventionelle, eigensinnige, liebevolle und wunderbare Frau, die Sie alle furchtbar vermissen werden, auch wenn sie manchmal eine grauenvolle Nervensäge sein konnte.

Sie hat – trotz mancher schwerer Zeiten – ein erfülltes, buntes Leben geführt und so haben Sie sich gesagt, dass auch der Abschied von ihr lebendig und bunt sein soll, eben anders als man es sonst so kennt, nicht so schwarz, traurig und getragen, sondern mit einem roten Sarg – rot, die Farbe der Liebe und des Lebens –, mit Musik, die ihr vermutlich gefallen hätte, mit Geschichten, die aus ihrem Leben erzählt werden, mit Gedanken an vergangene Zeiten, die zum Teil verdammt lang her sind.

Tieftraurige Mienen konnte sie noch nie leiden, so haben Sie gesagt, und so wollen wir heute unser Bestes tun, um den Abschied von ihr so lebensnah und bunt zu gestalten, wie uns das möglich ist.
November ist die Zeit, in der die Natur Abschied nimmt, bevor der Schnee und der Frost alles im Griff haben. Und auch die Blätter sind so leuchtend gelb und rot, wie sonst nie, gerade jetzt, wo sie fallen. (Auszug aus einer Trauerrede)
(4.11.2013)

FOTOS AUF DEM SARG

Die Idee der Angehörigen – den Sarg rundherum mit Fotos bekleben. Und auch nicht die normale Sitzordnung in der Friedhofshalle wollten sie, sondern den Sarg in die Mitte nehmen.
Was dann beim Abschiednehmen am Ende der Trauerfeier geschah, war außergewöhnlich. Die Leute traten nicht, wie es sonst üblich ist, vor den Sarg, sondern sie umrundeten langsam den Sarg einmal, um sich alle Fotos genau anzusehen.

Das schien mir wie ein altes, wunderbares Ritual – der verstorbene Mensch im Mittelpunkt, die Bilder des gelebten Lebens wie kleine Augenblicke von Glück, die sich schützend und tröstend auf die Trauer legen. Und das Umrunden wie ein Abschiedskreis, ein heiliger Weg, der um den Sarg herum führt und dann hinaus aus der Halle in das Leben, das weiter geht, auch wenn die Angehörigen oft noch nicht wissen, wie.
(22.10.2012)

WER GOTT IN DER NATUR SUCHT

Vor vielen Jahren las ich einmal auf einem Auto den Spruch „Wer Gott in der Natur sucht, der soll sich auch vom Oberförster beerdigen lassen“. Damals hat mich dieser Spruch maßlos aufgeregt, das war lange Zeit, bevor ich selbst Trauerrednerin wurde. Ich fand ihn anmaßend und böse, ein Schlag ins Gesicht der Menschen, denen das Herz aufgeht, wenn sie einen Wald betreten, die in der Schönheit einer Kirschblüte, dem Erschauern vor den roten Spuren, die der Herbst über das Land zieht, der Stille und Ehrfurcht vor einem neu geborenen Tierkind etwas spüren vom Geheimnis der Schöpfung.

Heute denke ich mit einem Schmunzeln an diesen Spruch. Denn letzte Woche habe ich meine erste Trauerfeier in einem Friedwald gehalten. Und es war tatsächlich eine Oberförsterin, die im neuen Friedwald in Ebermannstadt die Urnenbeisetzung begleitet hat. Das Urnengrab nahe einer Buche war mit Zweigen und Herbstlaub wunderschön geschmückt. Die Urne stand auf einer Baumscheibe. So konnte ich als Rednerin einen Bogen schlagen zwischen den Jahresringen des Baumes und den Lebensjahren des verstorbenen Menschen.
Es gab keine Musik, nur das leise Tropfen des Regens auf den Blättern, ein paar ferne Vogelstimmen und um uns die fallenden Blätter des Herbstlaubs, die uns hineinnahmen in unser Empfinden von Werden und Vergehen.
Was könnte schöner und passender sein als letzte Ruhestätte für einen Menschen, der ein begeisterter Wanderer war, der jeden Baum und jeden Vogel beim Namen kannte.

Und wenn dann am Ende der Trauerfeier die Oberförsterin mit liebevollen vorsichtigen Handgriffen das Grab schließt, dann mag so mancher denken, dass hier eine Alternative zur friedhöflichen Bestattungskultur entstanden ist, die durchaus Wertschätzung und Beachtung verdient und für den einen oder die andere genau das Richtige sein kann.
(3.10.2010)

GEDENKSTÄTTE FÜR STERNENKINDER IN MÜNCHEN

Auf dem Westfriedhof München wurde im November 2009 eine Gedenkstätte für totgeborene Kinder eingeweiht. Da eine Münchner Bürgerin der Stadt eine stattliche Erbschaft hinterlassen hatte, mit der Auflage, ihr Grab zu pflegen und den Westfriedhof, in dessen Nähe sie gewohnt hatte, zu verschönern, war das Geld vorhanden.
So entstand die Gedenkstätte für trauernde Eltern, die der Künstler Florian Lechner mit viel Liebe und Nachdenklichkeit gestaltet hat. „Ein Ort des Lichts“, so ist der entsprechende Artikel überschrieben, der in der Süddeutschen Zeitung vom 21. November 2009 erschienen ist.
So gut ich eine solche Initiative finde, so sehr schmerzt mich, dass hier aus meiner Sicht etwas ganz Wichtiges vergessen wurde – die Bedürfnisse der trauernden Eltern.
In München wurde ein meditativer Ort geschaffen, aber es ist dadurch kein Ort entstanden, an den Menschen, die ihr Kind verloren haben, ihre Trauer tragen können.
Warum ich das glaube? Weil die Kinder, wieder einmal und wie an vielen Stellen unserer Gesellschaft, namenlos bleiben. Es wäre doch ein kleines gewesen, an diesem Ort eine Möglichkeit zu schaffen, wo Eltern z.B. einen kleinen bemalten Stein mit dem Namen ihres Kindes niederlegen können. Wann wird unsere Gesellschaft lernen, wie wichtig Namen sind? Wann schaffen wir auch für Schmetterlingskinder und Regenbogenkinder Orte der Erinnerung, die auch die Namen bewahren? Dafür sind Friedhöfe doch da!

So wurde in München verpasst, wirklich einen Platz der Erinnerung, der Trauer und der Hoffnung zu schaffen. Ich möchte Städte und Kommunen, die etwas ähnliches planen, dazu einladen, mit betroffenen Eltern das Gespräch zu suchen und diese zu fragen, was sie brauchen. Ein vorbildliches Beispiel ist hier aus meiner Sicht das von der Stiftung Roos im Allwetterzoo Münster geschaffene „Denkmal für das unbekannte Kind“, das nicht auf einem Friedhof steht, sondern mitten in einer Umgebung, die Kindern gefällt und Freude macht.
Es besteht aus einem großen Findling und vielen kleinen Namenssteinen für Kinder, die im Herzen weiterleben. Jeder Besucher, jede Besucherin des Zoos, Erwachsene und Kinder, sind herzlich eingeladen, einen Stein an diesem Denkmal abzulegen. So werden die „unbekannten“ Kinder aus ihrer Anonymität geholt, bekommen einen Ort, einen Namen und eine Würde, die ihnen im Leben vielleicht versagt wurden.
(10.3.2010)

DANK AN DIE SARGTRÄGER

Liebe Sargträger, manchmal, wenn wir zusammen einen verstorbenen Menschen zum Grab geleiten, möchte ich Euch fragen –
Wisst Ihr eigentlich, was für einen wichtigen Beruf Ihr habt? Empfindet Ihr die Verantwortung, empfindet Ihr die Heiligkeit dieses Moments? Ein Mensch wird zu Grabe getragen. Ich verwende den Begriff getragen, obwohl natürlich in den meisten Fällen ein großer Teil des Weges mit dem Sargwagen gefahren wird. Aber ein Stück tragen ist auch immer dabei. Und dann der Moment, wo Ihr den Sarg vorsichtig in die Erde hinunterlasst. Zum Schluss verneigt Ihr Euch, bevor Ihr wieder geht. Warum eigentlich? Aus Konvention? Aus Respekt?
Ich weiß, Euer Beruf ist gesellschaftlich überhaupt nicht anerkannt. Niemand wird wohl Sargträger aus Berufung. Wie reagieren die Menschen, wenn Ihr von Eurem Beruf erzählt? Mit Schrecken, mit Abwehr, mit Neugier?
Im Unterschied zu mir kennt Ihr nicht die Geschichte des Menschen, den Ihr zu Grabe tragt. Kennt nicht die Angehörigen und Ihre Trauer. Vielleicht wisst Ihr den Namen und das Alter. Vielleicht nicht einmal das. Vor Euch sind alle Menschen gleich.

Ich sage Euch meinen Dank und meinen Respekt. Tragt Menschen liebevoll und behutsam zu ihrer letzten Ruhestätte.
(18.2.2010)

KÄLTE

So oft komme ich vollkommen durchgefroren von einer Trauerfeier nach Hause und freue mich auf eine heiße Dusche. Warum ist es in den meisten Friedhofshallen eigentlich immer so kalt? Es reicht doch, wenn es in den Kühlzellen kalt ist. Dabei frieren trauernde Menschen sowieso mehr als andere.
Ja, ja, ich weiß schon, diese Hallen sind oft so groß, die lassen sich schwer heizen. Es liegt wohl am ehrwürdigen Alter vieler Hallen. Viele sind sehr schön, mit Marmorengeln und Säulen, manchmal stehen sie auch unter Denkmalschutz. Doch sie sind so falsch für die Bedürfnisse der Lebenden.

Lasst uns die Marmorhallen abreißen und warme, helle Räume schaffen, in denen Menschen Abschied nehmen können. Und solange das noch nicht geschehen ist – denken Sie daran, sich warm anzuziehen, wenn Sie zu einer Trauerfeier gehen. Und wenn Sie nach der Beerdigung eines Angehörigen noch zusammen etwas essen wollen, bestellen Sie am besten einen großen Topf heißer Suppe für alle.
(10.1.2010)

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