Tiertrauer – Gastbeitrag von Verena Glass

Heute gibt es hier eine kleine Premiere: Zum ersten Mal veröffentliche ich einen Gastbeitrag auf meinem Blog.

Ich freue mich sehr, dass Verena Glass diesen Beitrag für meinen Blog geschrieben hat. Sie erzählt hier sehr persönlich über ihre Trauererfahrungen mit ihren zwei Hunden Camiro und Loretta. Als Trauerrednerin erlebe ich immer wieder, wie tief auch die Verbindung zwischen Mensch und Tier sein kann. Der Verlust eines geliebten Tieres kann eine ganz eigene Form der Trauer auslösen – und dennoch wird sie gesellschaftlich oft nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit wahrgenommen wie der Verlust eines Menschen.

Trauer um geliebte Tiere – Wenn niemand mehr zur Tür kommt

von Verena Glass

Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Noch bevor die Tür aufgeht, wartet etwas in mir auf das vertraute Geräusch. Auf Krallen, die über den Boden laufen. Auf einen Hund, der mich begrüßt, als sei ich nicht zwei Stunden, sondern zwei Jahre fort gewesen. Mein Kopf weiß längst, dass niemand kommen wird. Mein Körper weiß es offenbar noch nicht.

Warum die Trauer um einen Hund mitten im Alltag wohnt

Genau dort beginnt für mich die Trauer um einen Hund. Nicht erst am Grab und auch nicht nur in den großen, offensichtlichen Momenten. Sie sitzt im Flur. Sie hängt an der Leine, die niemand mehr braucht. Sie steht neben dem Napf, den man wegräumen könnte, aber heute noch nicht. Vielleicht morgen. Vielleicht nächste Woche.

Als Camiro nach vierzehn gemeinsamen Jahren starb und sechs Monate später auch Loretta, verlor ich nicht einfach zwei Tiere. Es verschwanden zwei eigenwillige Persönlichkeiten aus unserem Haus. Mit ihnen gingen Geräusche, Aufgaben, Gewohnheiten und eine Form von Nähe, die so selbstverständlich geworden war, dass ich ihre Größe erst begriff, als sie fehlte.

Der Alltag läuft weiter, aber er findet sein Ziel nicht mehr

Nach dem Tod eines Hundes macht der Alltag zunächst merkwürdige Bewegungen ins Leere. Man steht zu einer bestimmten Uhrzeit auf, weil jetzt eigentlich die erste Runde an der Reihe wäre. Man hört im Supermarkt innerlich noch die Frage mit, ob zu Hause genug Futter ist. Beim Kochen fällt etwas auf den Boden und für einen Sekundenbruchteil wartet man darauf, dass der zuständige Mitarbeiter für Küchenunfälle erscheint.

Bei uns war dieser Mitarbeiter zuverlässig. Camiro hätte vermutlich behauptet, er leiste damit einen wichtigen Beitrag zur Sauberkeit des Haushalts. Loretta hätte weniger erklärt und schneller gehandelt.

Solche Erinnerungen können gleichzeitig wehtun und ein Lächeln hervorholen. Das irritiert anfangs. Darf man lachen, wenn man doch trauert? Ich glaube inzwischen, das Lachen gehört genauso dazu. Es macht den Verlust nicht kleiner. Es erinnert daran, dass dieses Leben nicht nur aus seinem Ende bestand.

Trotzdem bleibt diese unvernünftige Erwartung. Gleich kommt er um die Ecke. Gleich höre ich sie schnarchen. Gleich wird jemand mit einem Blick erklären, dass die letzte Mahlzeit viele Stunden zurückliegt, obwohl es in Wahrheit zwölf Minuten waren. Trauer ist manchmal nichts anderes als Liebe, die noch eine Weile ihren alten Weg nimmt und dort niemanden mehr findet.

Die Frage, die nachts um drei Uhr wiederkommt

Besonders schwer ist die Trauer, wenn man selbst entscheiden musste, wann es Zeit ist, einen Hund gehen zu lassen. Dann zieht nach dem Abschied ein Gerichtssaal in den eigenen Kopf ein. Die Anklage ist nachts um drei hellwach: War es zu früh? War es zu spät? Hätte noch eine andere Behandlung geholfen? Hätte ich ein Zeichen eher erkennen müssen? Die Verteidigung hat zu dieser Uhrzeit meistens Feierabend.

Auch ich habe mir diese Fragen gestellt. Nicht einmal, sondern immer wieder. Jede Erinnerung wurde zum Beweisstück. Ein guter Tag sprach dafür, noch zu warten. Ein schlechter Tag sagte das Gegenteil. Im Nachhinein möchte der Kopf aus einer schmerzhaften Entscheidung eine mathematische Aufgabe machen, für die es irgendwo eine zweifelsfrei richtige Lösung geben muss.

Aber diesen vollkommen richtigen Moment gibt es oft nicht. Es gibt einen Menschen, der liebt, Angst hat, hofft und Verantwortung trägt. Es gibt medizinische Einschätzungen, Beobachtungen, vielleicht schlaflose Nächte und diesen Blick auf ein Wesen, das einem nicht sagen kann, wie viel noch geht. Dann muss Liebe eine Entscheidung treffen, die sich in diesem Augenblick überhaupt nicht liebevoll anfühlt.

Das Wissen darum nimmt die Schuldgefühle nicht auf Knopfdruck. Mir hat aber der Gedanke geholfen, dass Zweifel nicht automatisch bedeuten, falsch entschieden zu haben. Oft bedeuten sie, dass die Entscheidung so wichtig war, dass man sie auch im Nachhinein noch von allen Seiten prüft. Wer gleichgültig ist, hält keine inneren Gerichtsverhandlungen ab.

Es war doch nur ein Tier

Kaum ein Satz verletzt trauernde Tierhalter so zuverlässig wie: „Es war doch nur ein Tier.“ Manchmal steckt darin keine böse Absicht. Vielleicht ist es Hilflosigkeit. Vielleicht möchte jemand den Schmerz kleiner reden, weil er nicht weiß, wie er ihn aushalten soll. Beim trauernden Menschen kommt trotzdem etwas anderes an: Deine Beziehung war nicht wichtig genug für diese Trauer.

Aber es fehlt eben nicht irgendein Tier. Es fehlt der Hund, der morgens vor der Badezimmertür wartete. Der wusste, wann es einem schlecht ging. Der einen ganzen Lebensabschnitt begleitet hat, ohne Fragen zu stellen oder gute Ratschläge zu verteilen. Es fehlt ein Familienmitglied mit Fell, Geruch, Charakter und einer beachtlichen Zahl sehr spezieller Regeln.

Camiro wusste zum Beispiel, dass samstags mit einer Ecke Schinken zu rechnen war. Einen Kalender brauchte er dafür nicht. Loretta konnte schnarchen, als müsse sie die Anwesenheit eines großen Säugetiers akustisch beweisen. Das waren keine austauschbaren Eigenschaften der Gattung Hund. Das waren sie.

Trauer richtet sich nicht nach der biologischen Art und auch nicht danach, ob Außenstehende eine Beziehung verstehen. Sie entsteht dort, wo Bindung war. Wer einen Hund über viele Jahre liebt, verliert mit ihm einen Teil seines Alltags, seiner Geschichte und manchmal auch die Version seiner selbst, die es nur mit diesem Hund gab.

Camiro am Strand. Die Erinnerung an ein Hundeleben darf größer sein als sein letzter Tag. Foto: Verena Glass/privat.

Was tatsächlich hilft

Ich habe keine allgemeingültige Anleitung für Tiertrauer. Dafür sind Beziehungen zu verschieden und Abschiede zu persönlich. Aber ich weiß, was mir guttat: Menschen, die Camiros und Lorettas Namen sagten. Menschen, die nicht nur nach dem letzten Tag fragten, sondern nach dem ganzen Leben davor. Was war typisch für ihn? Worüber musste man bei ihr lachen? Welche Geschichte erzählt die Familie noch in zehn Jahren?

Hilfreich war auch, wenn niemand versuchte, die Trauer möglichst schnell zu reparieren. Trauernde brauchen nicht immer einen klugen Satz. Manchmal brauchen sie jemanden, der dieselbe Geschichte zum dritten Mal anhört und nicht auf die Uhr sieht. Einen Menschen, der aushält, dass Tränen und Lachen in einem Gespräch nebeneinander sitzen können.

Wenig hilfreich sind Sätze wie „Du kannst dir doch einen neuen Hund holen“. Ein neuer Hund ist keine Fortsetzung mit anderer Fellfarbe. Er ist ein eigenes Wesen und vielleicht irgendwann eine neue Beziehung. Aber er ersetzt nicht den, der fehlt. Liebe ist kein frei gewordener Arbeitsplatz.

Auch das Aufbewahren oder Wegräumen von Dingen sollte keinem Zeitplan folgen. Die Leine darf hängen bleiben. Sie darf auch am nächsten Morgen verschwinden, weil ihr Anblick unerträglich ist. Beides ist richtig, wenn es dem Menschen in diesem Moment hilft. Trauer braucht keine Prüfungsordnung.

Die Erinnerung darf größer sein als der letzte Tag

Nach einem schweren Abschied schiebt sich der letzte Tag oft vor alle anderen. Man sieht wieder die letzten Stunden, hört die letzten Sätze und prüft jede Entscheidung. Vierzehn Jahre können plötzlich hinter wenigen Minuten verschwinden. Das empfand ich als besonders ungerecht.

Denn Camiro war nicht sein Tod. Er war der Hund, der unseren Sohn vom kleinen Jungen zum jungen Mann werden sah. Der als Lagotto eigentlich Trüffel finden sollte und stattdessen einmal eine alte Kartoffel nach Hause trug, als habe er gerade das Familieneinkommen gesichert. Er war Wald, nasses Fell, ein heimlicher Platz auf dem Sofa und ein Blick, der unsere menschlichen Entscheidungen regelmäßig für fragwürdig erklärte.

Loretta war ebenfalls viel mehr als ihr Abschied. Sie war Bewegung, Vertrauen, Chaos und dieses unverkennbare Schnarchen. Sie war die zweite Hälfte von acht Pfoten, die unser Haus über Jahre mit Leben füllten.

Deshalb begann ich zu schreiben. Ich wollte das Leben wieder sichtbar machen. Die komischen Szenen, die kleinen Katastrophen, die Gewohnheiten und die Liebe. Alles, was vor dem letzten Tag lag und nicht von ihm verschluckt werden durfte.

Heute öffne ich die Tür und weiß, dass Camiro und Loretta nicht kommen. Dieser erste körperliche Impuls ist leiser geworden, aber ganz verschwunden ist er nicht. Vielleicht muss er das auch nicht. Er erinnert an ein Willkommen, das einmal da war. An zwei Hunde, für die meine Rückkehr jedes Mal ein Ereignis darstellte, ganz gleich, wie unspektakulär mein Tag gewesen war.

Die Trauer hat sich verändert. Sie steht nicht mehr jeden Morgen mitten im Weg. Manchmal sitzt sie nur still in einer Erinnerung. Manchmal kommt sie unvermittelt zurück, ausgelöst durch ein Geräusch, einen Geruch oder einen fremden Hund, der für eine Sekunde genau denselben Blick hat. Dann fehlt wieder alles. Und gleichzeitig ist alles da.

Vielleicht bedeutet Weiterleben nicht, irgendwann nichts mehr zu vermissen. Vielleicht bedeutet es, dem Vermissen einen Platz zu geben, an dem es nicht mehr das ganze Haus ausfüllt.

Ein Hundeleben war nie das Sterben. Ein Hundeleben war alles davor.

Hinweis zum Buch

Als der Himmel nach Hund roch
Erinnerungen an die Liebe von acht Pfoten

„Als der Himmel nach Hund roch. Erinnerungen an die Liebe von acht Pfoten“ ist aus der Trauer um Camiro und Loretta entstanden. Im Roman blickt Lagotto Romagnolo Camiro auf sein vierzehnjähriges Leben zurück. Er erzählt von Familie, Hundelogik, kleinen Katastrophen, großer Liebe und einem Abschied, der das ganze Leben davor nicht überschatten darf. Das Buch ist kein Trauerratgeber, sondern eine persönliche, warmherzige Geschichte für Menschen, die einen Hund lieben oder vermissen.

Das Buch bei Amazon: https://amzn.eu/d/0c7iEdIS

Weitere Informationen: verena-glass.com/als-der-himmel-nach-hund-roch/
Buchcover mit zwei Hunden

Über die Autorin

Verena Glass lebt mit ihrer Familie in Paderborn. Sie ist Germanistin, Autorin, Lektorin und seit mehr als zwanzig Jahren als Ghostwriterin tätig. In „Als der Himmel nach Hund roch“ hat sie ihren Hunden Camiro und Loretta eine Stimme gegeben und ihre gemeinsame Geschichte festgehalten.

Kontakt

Verena Glass

E-Mail: verenaglass@t-online.de

Website: https://verena-glass.com

Autorin mit ihrem Buch

Vielen Dank an Verena Glass, dass sie ihre persönliche Geschichte mit uns teilt. Ihre Worte zeigen auf eindrückliche Weise, wie tief die Trauer um ein geliebtes Tier gehen kann.

Wenn auch Sie um ein geliebtes Tier trauern und sich wünschen, diesen Abschied bewusst zu gestalten, begleite ich Sie gerne dabei. Hier geht es zu meinem Angebot und weiteren Informationen.

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